Wie steht es um den Durchhaltewillen in Beziehungen?
Mein subjektiver Eindruck ist, dass heute Beziehungen zu oft zu früh aufgegeben werden. Früher war dies kaum möglich – aus wirtschaftlichen, religiösen und gesellschaftlichen Gründen. Diese Gründe sind heute kaum mehr relevant.
Wann ist das Durchhalten besonders angesagt?
Dann, wenn Kinder im Spiel sind. Kinder sind das grösste Geschenk des Lebens, und sie tragen Mama und Papa und die ganzen Ahnenlinien in sich, ein Leben lang. Da kommen viele Schicksale und Energieströme zusammen. Das Leben wird unglaublich intensiv und kräfteraubend. Da bleibt keine Zeit mehr für ausschweifende Hobbys oder Abenteuerreisen.
Kommen in dieser Situation Paare an ihre Grenzen?
Ja. Alle Eltern kommen irgend wann in die Überforderung und reagieren so, wie sie es eigentlich nie wollten. Kinder bringen einen auch an die eigenen inneren unerlösten Themen, wo wir in emotionale Not geraten. Und an dieser Stelle wird oft der Partner/die Partnerin als Problem gesehen, weil man nicht die gewünschte Unterstützung oder zu wenig Verständnis, Nähe oder Sex erhält.
Wie kann man gut damit umgehen?
Im besten Falle beginnen beide Partner, sich mit der eigenen Entwicklung auseinanderzusetzen. Da mit, was sie in die Beziehung hineingeben und was funktioniert und was nicht. Da braucht es eine gute Portion Durchhaltewillen, bis man die eigenen eingeprägten Muster etwas gelöst hat und sich auf neue Wege wagt.
Wie kann man das Durchhalten praktizieren?
Ich spreche nicht um ein Durch halten um jeden Preis. Wer zum Beispiel in Abhängigkeit oder einer gewalttätigen Beziehung feststeckt, sollte nicht durchhalten, sondern aussteigen. In jedem Fall beginnt die Arbeit am eigenen Bewusstsein und im eigenen emotionalen Feld. Wer sich da wirklich weiterentwickelt, kann positive Wunder erleben. Es ist eine Investition nach innen zum wirklichen Glücklichsein, ohne Verantwortung des Partners/der Partnerin.
Kann das Durchhalten ein Gewinn sein für die Beziehung?
Natürlich, und wie! Der gemein same Liebesweg beginnt eigentlich erst richtig bei den ersten Steigungen und Kurven. Dann ist die Liebe und nicht mehr das Verliebtsein gefragt. Dann geht es darum, einander zu unterstützen und miteinander durchzuhalten. So entstehen echte Tiefe und Stärke in der Partnerschaft.
Viktor Arheit, Paarberatung im Kanton Zürich,
Beratungsstelle Affoltern am Albis
Dieser Artikel wurde im Anzeiger Bezirk Affoltern unter der Rubrik «RATGEBER BEZIEHUNG» am 03.02.2026 veröffentlicht.
