Nina (36) und Laura (32) sind seit fünf Jahren ein Paar. Ihr Alltag ist intensiv, dennoch erleben sie sich als gutes Team und fühlen sich miteinander verbunden. Am Anfang war auch der Sex für beide häufig, gut und selbstverständlich. Heute wünscht sich Laura nach wie vor regelmässig körperliche Nähe – am liebsten zwei- bis dreimal pro Woche. Nina ist beim Sex nicht mehr entspannt und hat oft Angst, Laura zu enttäuschen, wenn sie selbst wenig Lust verspürt. Laura versucht häufig, sie zu verführen, wird jedoch etwa bei zwei von drei Malen abgewiesen. Sie ist frustriert über die wiederkehrenden Zurückweisungen. Nina wiederum erlebt den Sex zunehmend als langweilig und stört sich daran, dass Laura dabei stark auf die orale Stimulation von Ninas Geschlechtsorgan fokussiert ist.
Unterschiedliches sexuelles Verlangen ist in langjährigen Beziehungen häufig der Fall. Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas «falsch» läuft. Bei Nina und Laura könnte sich jedoch ein Muster eingeschlichen haben, das beide zunehmend unter Druck setzt: Laura sucht Nähe und Bestätigung über Sexualität. Nina verbindet Sexualität immer mehr mit Erwartung und Leistungsdruck, sowie mit der Angst, Laura zu enttäuschen. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Je mehr Laura aktiv versucht, Sex einzuleiten, desto stärker erlebt Nina Druck – und je häufiger Nina ablehnt, desto frustrierter und verletzter fühlt sich Laura.
Mit der Zeit gehen dabei oft Neugier und Leichtigkeit verloren, und Sexualität wird vorhersehbar oder fühlt sich funktional an. Es entsteht weniger ein gemeinsames Erleben als vielmehr ein wiederkehrendes Muster aus Annäherung, Erwartung und Zurückweisung, das beide emotional belastet. Dass Nina den Sex als langweilig erlebt und sich an der starken Fokussierung auf orale Stimulation stört, ist ein wichtiger Hinweis: Es scheint nicht nur um unter schiedliche Lustfrequenzen zu gehen, sondern auch darum, wie Sexualität gemeinsam gestaltet wird, welche Formen von Nähe entstehen dürfen und wie abwechslungsreich oder spielerisch der gemeinsame Raum erlebt wird. Hilfreich wäre, wenn beide ausserhalb des Schlafzimmers miteinander ins Gespräch kommen – nicht mit dem Fokus darauf, wer «zu viel» oder «zu wenig» Lust hat, sondern mit Fragen wie: Was lässt dich begehrt fühlen? Wie möchtest du verführt werden? Was vermisst du? Was hat euch früher Spass gemacht? Ebenso kann es entlastend sein, auch über Druck, Unsicherheiten und Erwartungen zu sprechen, damit diese überhaupt benannt und verstanden werden können. Es kann auch hilfreich sein, Sexualität wieder breiter zu denken – nicht nur als Sex mit einem klaren Ziel, sondern als Raum für Berührung, Nähe, Experimentieren und spielerisches Entdecken, in dem nicht jede Interaktion «funktionieren» oder zu einem Ergebnis führen muss.
Eine klassische Streichelübung (Sensate Focus) könnte für beide unterstützend sein: geplante Zeit für Berührung ohne Erwartung auf Sex oder Orgasmus. Dadurch kann Nina wieder Zugang zu ihrem eigenen Körper und ihren Bedürfnissen finden, ohne sofort «leisten» zu müssen, und Laura kann Nähe erleben, ohne ständig mit Zurückweisung konfrontiert zu sein. So entsteht Schritt für Schritt weniger Druck und mehr gemeinsame Neugier – eine wichtige Grundlage, um sich wieder neu kennenzulernen und Sexualität als gemeinsamen, lebendigen Raum zurück zugewinnen
David Siegenthaler, Paarberatung im Kanton Zürich,
Beratungsstelle Affoltern am Albis
Dieser Artikel wurde im HAZ-Magazin unter der Rubrik «BEZIEHUNGSFRAGEN» im Mai 2026 veröffentlicht.
