Wenn sich ein Paar dazu entscheidet, ein Kind bekommen zu wollen, ist das oft ein bedeutender Meilenstein. Es ist ein gemeinsames Commitment und kann die Beziehung bereichern. Wenn die Erfüllung des Kinderwunsches auf sich warten lässt, kann sich dies spürbar auf die Beziehungsdynamik auswirken – manchmal wird der Kinderwunsch dann zur Belastungsprobe.
In dieser Phase kann sich die Beziehungsdynamik deutlich verändern. Dauert die Kinderwunschphase länger an, verändert sich oft die Sexualität. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Lust und Verbundenheit, sondern auch darum, ein Kind zu zeugen. Sex nach dem Zykluskalender kann Druck erzeugen und die Lust eher hemmen. Einige Paare berichten in dieser Zeit von einem Gefühl des Autonomieverlusts. Gedanken wie «Wir entscheiden gar nicht mehr spontan, ob und wann wir Lust aufeinander haben» können entstehen. Manche erleben dadurch ihre Sexualität als weniger selbstbestimmt.
Für viele Paare ist diese Phase zudem geprägt von medizinischen Abklärungen und Behandlungen, die den Takt vorgeben. Dabei kann körperlicher und finanzieller Druck entstehen – etwa durch Kinderwunschbehandlungen wie In-Vitro-Fertilisation (IVF) oder Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) sowie durch andere Hormonbehandlungen. Diese Belastungen können sich auch auf die Beziehung auswirken. Durch die körperlichen Eingriffe äussern viele Frauen, dass sie sich fremdbestimmt oder ausgeliefert fühlen.
Eine weitere Herausforderung ist die anhaltende Unsicherheit – das Pendeln zwischen Hoffen, Bangen und zeitweisem Freuen. Der Kinderwunsch berührt zentrale Lebensvorstellungen: den Wunsch nach einer eigenen Familie und eigenen Kindern. Gleichzeitig steht die, bis dato, unbeantwortete Frage im Raum: „Werden wir jemals ein Kind bekommen?“ Diese Unsicherheit auszuhalten, kostet viel Kraft. Genau das macht diese Zeit so verletzlich – der Kinderwunsch ist häufig sehr stark und mit vielen Emotionen verbunden. Auch ein zweiter oder dritter (bisher) unerfüllter Kinderwunsch kann für Paare sehr belastend sein. Erwartungen, Hoffnungen und möglicherweise bereits gemachte Erfahrungen verstärken oft den inneren Druck und die emotionale Anspannung.
Zudem kann die Kinderwunschphase oft von Rückschlägen geprägt sein – etwa wenn wieder ein Zyklus vergeht, in dem es nicht geklappt hat. Und selbst wenn es geklappt hat, ist die Freude vielleicht sehr zurückhaltend – aus Angst vor einer möglichen Fehlgeburt. Denn für viele Paare ist dies Realität: Statistiken zufolge erlebt etwa jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens eine Fehlgeburt. In diesem Zusammenhang werden häufig Gefühle von Kontrollverlust und Ohnmacht beschrieben. Solche Erfahrungen können auch frühere Bindungsverletzungen reaktivieren, beispielsweise Verlusterfahrungen aus der Kindheit. Neben Bindungsmustern können in dieser Phase auch belastende Glaubenssätze aktiviert werden, wie etwa: «Ich muss mich nur genügend anstrengen» oder «Mit mir beziehungsweise meinem Körper stimmt etwas nicht».
All diese Herausforderungen können sich spürbar auf die Beziehungsdynamik auswirken. Häufig entstehen Spannungen und Konflikte. Dabei zeigen sich oft unterschiedliche Bewältigungsstrategien: Während eine Person das Gespräch sucht, zieht sich die andere eher zurück und braucht Raum für sich. Das kann dazu führen, dass sich beide Partner:innen nicht gesehen oder nicht verstanden fühlen.
Was kann nun helfen, um sich selbst und der Beziehung in dieser vulnerablen Zeit Sorge zu tragen?
«Communication is key» – ein regelmässiger Austausch kann helfen, diese intensive Phase gemeinsam zu bewältigen. Es geht darum, einander ehrlich mitzuteilen, wie es einem geht und was man braucht. Auch ein gemeinsames Reflektieren, wo man gerade in dem Prozess steht, kann entlastend wirken. Gleichzeitig ist es wichtig, den eigenen Emotionen Raum zu geben: Freude, Angst, Trauer, Wut oder Ohnmacht dürfen da sein. Auch Fragen wie «Wie viel Funktionalität in unserem Sexleben ist für diese Kinderwunschzeit okay?» «Wann brauchen wir eine Pause, falls bspw. wieder ein Zyklus erfolglos bleibt?» könnten hilfreich sein zu besprechen. Natürlich muss man diesen Weg als Paar nicht alleine gehen. Eine Paarberatung kann unterstützend wirken, indem dieser Prozess begleitet und einen geschützten Raum geboten wird, wo dem die Emotionen wahrgenommen und verarbeitet werden können. Gleichzeitig kann sie dabei helfen, einen hilfreichen Umgang mit belastenden Glaubenssätzen und unterschiedlichen Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Fabiana Burri, Paarberatung im Kanton Zürich, Beratungsstelle Winterthur
