Wenn die eigenen Kinder von zu Hause ausziehen, beginnt für das Elternpaar eine neue Lebensphase. Sie verändert die Beziehungsdynamik oft grundlegend: Nach Jahren als Elternteam rückt die Paarbeziehung wieder stärker in den Mittelpunkt. Das schafft Freiraum, kann aber auch Leere oder Distanz sichtbar machen. Gleichzeitig liegt in dieser Phase eine grosse Chance, die Beziehung bewusst neu zu gestalten.

Viele Eltern erleben in dieser Zeit das sogenannte Empty-Nest-Syndrom. Die leeren Kinderzimmer und das Gefühl, nicht mehr täglich gebraucht zu werden, können verschiedene Emotionen auslösen. Dieser Übergang wird innerhalb des Paares oft unterschiedlich erlebt. Wichtig ist es, diesen Ablösungsprozess bewusst wahrzunehmen, sich auf den bevorstehenden Auszug mental vorzubereiten und ihn aktiv zu gestalten. Der Auszug eines Kindes bedeutet auch Abschiednehmen von einer Lebensphase. Dabei ist die gesamte Gefühlspalette von Vorfreude auf Neues bis hin zu Wehmut und Trauer über das Loslassen normal. Sprechen Sie miteinander über Ihre Emotionen. Während sich die eine Person eher leer und orientierungslos fühlt oder die Nähe zu den Kindern vermisst, geniesst die andere vielleicht die neue Freiheit. Deshalb lohnt es sich, darüber ins Gespräch zu kommen: Wie geht es dir damit, dass unser Kind uns weniger braucht? Was verändert sich für dich? Welche Wünsche und Sorgen hast du für die Zukunft?

Das «Empty Nest» ist jedoch nicht nur eine Zeit des Loslassens, sondern auch eine Phase der Neuausrichtung. Während die Kinder ihren eigenen Weg gehen, eröffnet sich für Eltern die Chance, die eigene Lebensphase bewusst neu zu gestalten.  Mit dem Auszug der Kinder entsteht Raum, eigene Interessen, Wünsche und Ziele neu zu entdecken oder wieder aufzugreifen – ein spürbarer Wandel in der Paarbeziehung. Diese Veränderung kann befreiend sein, aber auch verunsichern. Nun stellt sich die Frage: Wer sind wir als Paar heute?

Wie herausfordernd dieser Übergang erlebt wird, hängt auch von der Beziehungsqualität vor dem Auszug der Kinder ab. Paare, die ihre Beziehung während der Familienjahre bewusst gepflegt und priorisiert haben, erleben den Übergang oft leichter. Wurde die Paarbeziehung hingegen über längere Zeit vernachlässigt, können plötzlich Themen sichtbar werden, die viele Jahre im Hintergrund waren. Gefühle von Einsamkeit, Distanz oder Verlassenheit treten dann häufig stärker hervor.

Diese neue Lebensphase ist, wie bereits erwähnt, auch eine grosse Chance. Da wieder mehr Ressourcen zur Verfügung stehen, eröffnet sich Raum für eine bewusste Neuausrichtung, sowohl als Paar als auch als Einzelperson. Es ist eine Einladung, die Paarbeziehung wieder bewusst in den Mittelpunkt zu rücken sowie bisher unerfüllte Wünsche oder Träume aufzugreifen. Es entstehen neue Freiheiten, um sich mit Sinn-, Zeit- und Zukunftsfragen auseinanderzusetzen und die gemeinsame Beziehung aktiv neu zu gestalten.

Das Schöne und Faszinierende an dieser Phase ist, sich als Paar wiederzufinden und sich neu zu begegnen. Vielleicht möchten Sie wieder regelmässig miteinander ausgehen, ein Museum besuchen oder ins Theater oder Kino gehen. Manche Paare entdecken gemeinsame Interessen neu und besuchen einen Koch-, Tanz- oder Sprachkurs. Neue gemeinsame Erfahrungen schaffen Verbundenheit und bringen frischen Wind in die Liebesbeziehung.

Hilfreich kann auch eine gemeinsame Zukunftsübung sein: Nehmen Sie sich Zeit und sprechen Sie darüber, wie Sie sich die kommenden Jahre vorstellen. Was wollen wir noch erleben? Welche Visionen und Wünsche haben wir für unsere Paarbeziehung? Wie soll unser Alltag aussehen? Und was wünschen wir uns für unsere Sexualität? So können neue gemeinsame Erfahrungen entstehen und die Beziehung wieder bewusst belebt und neu entdeckt werden.

Das «Empty Nest» markiert nicht das Ende des Familienlebens, sondern den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Es eröffnet die Chance, sich selbst neu zu begegnen und gleichzeitig die Paarbeziehung wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Mehr zu diesem Thema hören Sie auch im Mamalicious Podcast: «Paarberatung/-therapie – erst wenn es zu spät ist?»

Fabiana Burri, Paarberatung im Kanton Zürich, Beratungsstelle Winterthur